INTERVIEW
mit
Frater .717.


--- GERMAN ONLY ---


erschienen in der Zeitschrift GOLEM #1, 2000


F: Frater .717., gibt es soetwas wie einen Berufsstand des Magiers
und würdest Du Dich selbst so bezeichnen?

A:
(Lacht) Berufsstand? Nein, jedenfalls sicher nicht im Bereich der Chaosmagie. 
Wir sind Suchende, Forscher, Adepten! 
Ich selbst bezeichne ich mich auch gerne als Psychonaut. 


F: Kannst Du Dich an eine besondere Situation oder ein Erlebnis in
Deinem Leben erinnern, dass Dich vielleicht zu dem werden ließ, was Du
heute bist?

A:
Da war ein Abend, ca. 9 Monate vor meiner Geburt...... (grinst)
...nun, es gab eine ganze Reihe von einschneidenden Erlebnissen in meinem Leben. 
Bewegende magische Erfahrungen, ein Nahtoderlebnis und viele beeindruckende Begegnungen mit starken Persönlichkeiten. Ich kann aber keines davon als das Wichtigste, oder Ausschlaggebende bezeichnen.


F: Wie stellt sich Deiner Meinung nach die Situation von deutschen
MagierInnen oder
magischen Orden im deutschsprachigen Raum dar? Gibt es gravierende
Unterschiede zu den englischsprachigen Ländern?

A:
Die Unterschiede sind so groß, wie die Menschen selbst. Organisatorisch gibt es natürlich große Unterschiede wenn ich an Ballungszentren, oder an weit entfernt lebenden Mitglieder denke.
Abgesehen davon sehe ich kaum Unterschiede. Logen, Zirkel und Zusammenschlüsse haben nicht mehr nur damit zu tun ihre Magie zu finden und zu erforschen, sondern auch noch damit zu kämpfen ihre Muster und Strukturen laufend zu überdenken. Alle in der modernen Welt müssen ihre Magie mit der rasenden Entwicklung von Technik und Wissenschaft neu abstimmen und positionieren.

Wenn du mit der Situation von MagierInnen und Orden aber die Auflösungstendenzen ansprichst, ......

Wir dürfen bei der Bewertung der Situation nicht vergessen, daß es in den letzten Jahren, wie es sehr typisch für die Zeit vor der Jahrtausendwende ist, einen "großen" Aufschwung der Magie im Allgemeinen gab. Kino- und Fernsehfilme, ja sogar Endlosserien wurden zu magischen und mystischen Themen gedreht. Rollen- und Fantasyspiele mit magischem Hintergrund tauchten in Massen auf. Sachbücher und Romane zu einschlägigen Themen wurden veröffentlicht. Der Zulauf zu magischen Gruppierungen stieg an, viele wurden neu gegründet, oder zu neuem Leben erweckt. Dabei wurden sicherlich eine Menge Menschen angelockt, die den magischen Weg zwar interessant finden, sich aber nie wirklich dafür entschieden haben. Das sind die Wankelmütigen, die Wochenend- und Freizeitmagier, die, die zwei Mal pro Jahr ein magisches Event besuchen, oder zum Beispiel die, deren einziges Ziel es geblieben ist für möglichst viel erotische Ausstrahlung zu zaubern. Die mag es immer geben, aber ich bin überzeugt davon, daß viele dieser Menschen aus den "echten" magischen Vereinigungen wieder ausscheiden werden und daß die Nachfrage nach Magie prinzipiell wieder abnehmen wird. Diejenigen, die sich dazu berufen fühlen werden leichter den Weg zu Gleichgesinnten finden. Das ist der große Fortschritt. Wie viele daran beteiligt sind ist zweitrangig.

F: Kommen wir zu Deiner persönlichen "magischen Heimat", dem I.O.T..
Vielleicht kannst Du ein paar Worte zum Ursprung und zur Geschichte
des Ordens international und national sagen?

A:

Bereits Ende der siebziger Jahre gab es in England einige lose formierte Gruppen um Pete Carroll, die sich mit Chaosmagie beschäftigten, doch erst 1986, nahm der Gedanke des IOTs als magischer Un-Orden, als Gruppierung mit einer Minimalstruktur tatsächlich Formen an. In einem alten Schloß in Niederösterreich wurde IOT dann auch formal begründet.

Wenn wir die Geschichte betrachten, so stellen wir fest, daß alle magischen und mystischen Organisationen das Hierarchiegambit dazu benutzten, um Kompetenzdruck auf alle auszuüben, die innerhalb der Gesamthierarchie arbeiteten. Und doch beruhte die Meisterschaft innerhalb dieser Organisationen häufig eher auf fragwürdigen Behauptungen der Autorisation durch verborgene Quellen als auf realen technischen Leistungen. Die meisten Organisationen ließen nur positives Feedback von unten zu. Das führt dazu, daß die Leute an der Spitze dazu verdammt sind, sich in trügerischen Widerspiegelungen ihrer eigenen Erwartungen zu sonnen, um daraufhin noch ungeeignetere Direktiven zu erlassen.

Die Struktur des Pakts löst diese traditionellen Probleme. Innerhalb der Tempel des Pakts werden alle Mitglieder dazu ermuntert, Techniken und Konzepte für Experimente und Bewertungskriterien einzubringen, während die Gradstruktur lediglich magietechnische Kompetenz und organisatorische Verantwortung anerkennt.1

So wars gedacht und vereinbart. Ein Haufen völlig unterschiedlicher Individualisten aus verschiedenen Ländern begann nun gemeinsam am großen Werk zu arbeiten. Der Pakt war geboren. Es überstieg einige Zeit wirklich alle unsere Erwartungen. Sowohl die magischen Fortschritte und Erfolge, als auch das konstruktive Miteinander waren überwältigend. Vielleicht wurden wir gerade deshalb unvorsichtig. Der Pakt wuchs, Zuständigkeitsbereiche für Organisatoren und Gradhöhere weiteten sich schnell aus. Die Aktivitäten der Mitglieder waren unkoordiniert. Bald mußten wir feststellen, daß auch wir nicht vor Machtspielchen und Intrigen einzelner Mitglieder gefeit waren. Plötzlich steckte der IOT mitten in der Pubertätskrise. Hier wurde viel Energie für unnütze und eben sehr pubertäre Dinge verschwendet, ich schließe mich dabei gar nicht aus. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten Gerüchte und Geschichten über Streit, Ausschluss und magische Kriege. 

Glücklicherweise lösten sich die Probleme dann relativ schnell. Österreich erklärte sich für unabhängig und gleichzeitig ebenso alle Tempel innerhalb des Landes. Kurz darauf schlossen sich viele andere an und führten weitere Reformen durch. Diejenigen, die weiterhin versuchten sich "an ihre Macht zu klammern" blieben auf der Strecke. So hat sich der Pakt damals gesundgeschrumpft. 

Von nun an gings jedoch bergauf, wobei wir uns noch strenger an die Devise: Qualität statt Quantität hielten. Die letzten Jahre haben bewiesen, dass diese Minimalstruktur für uns brauchbar ist und effizientes Arbeiten ermöglicht. 

Heute haben wir Mitglieder in Österreich, Deutschland, Schweiz, Dänemark, Schweden, England, Rumänien, Bulgarien, Polen, USA, Brasilien, Malaisen, Australien, Japan,... 
Die Mitglieder arbeiten großteils in kleinen und größeren Tempeln und Arbeitsgruppen. Sie kommunizieren und tauschen Ideen und Erfahrungen via verschiedener Newsletter, einer internen Newsgroup und E-Mail aus. Während des Jahres finden Treffen verschiedener Tempel statt und in vielen Ländern werden ein bis zwei Mal pro Jahr mehrtägige nationale Treffen abgehalten. 

Die Krönung des Jahres ist aber immer noch das große jährliche Pakttreffen im Sommer, das jeweils von einer anderen Sektion (Land) veranstaltet wird. Es findet jeweils im Anschluß an des bereits traditionelle jährliche Magic Circle Sommerseminar statt und wird von Mitgliedern des IOT oder/und anderen ChaosmagierInnen abgehalten. So stellt es auch eine großartige Möglichkeit für Interessenten dar, ein Wenig von der praktischen Seite unserer Arbeit kennen zu lernen.


F: Was ist das Besondere am I.O.T, das andere Orden nicht haben?

A: 

Wir haben das Chaos! (lacht)
Das Besondere am IOT ist das Ausbrechen aus den klassischen Strukturen. Dadurch wird erstmals die Verantwortung jedem Mitglied zu 100% rückdelegiert. Das schreckt viele ab, wenn sie begreifen was das bedeutet. 

"Wir haben die schönsten Frauen!" 
sagte einmal Phil Hine in einem Interview mit einem englischen Reporter.
(grinst)

....und wir haben sicher den meisten Spaß. 


F: Spielen Traditionen in der Chaosmagie eine Rolle?

A:

Wir sehen nach wie vor Liber Null und Psychonautik als grundlegende Schriften unseres magischen Tuns an und wir zelebrieren immer wieder gemeinsam die dort zitierte Messe B. Darüber hinaus definieren wir uns viel mehr über die Verschiedenheit der Mitglieder und ihrer Arbeiten. Da ist für Traditionen wenig Platz. Das gilt natürlich nicht für den eigentlichen, rituellen Akt. Wenn die Tradition dem Magier als ein geeignetes Werkzeug zur Erreichung seiner Ziele scheint, dann wird er sich die Tradition zu Nutze machen.


F: Es ist in der magischen Szene nicht verborgen geblieben, dass einer
der wesentlichen Begründer der pragmatischen Magie in Deutschland,
Ralph Tegtmeier, kein Freund der chaosmagischen Strömungen und
erst recht nicht des I.O.T. ist. Warum dieses Zerwürfnis?

A:

Der Pakt ist damals seinen Kinderschuhen entwachsen, wie ich vorhin schon sagte. Die Tempel wurden autonom, die Struktur veränderte sich und nährte sich auch in der Praxis immer mehr an das ursprünglich erdachte Konzept im Liber Pactionis an. Nicht alle konnten oder wollten dieser Entwicklung folgen, - das ist viele Jahre her. 


F: Die zwei bedeutendsten Bücher von Pete Carroll, Liber Null und
Psychonautik, sind seit Jahren in Deutschland nicht erhältlich.
Habt Ihr kein Interesse daran, chaosmagisches Gedankengut zu
publizieren, notfalls in einem eigenen Verlag?

A:

Liber Null und Psychonautik, ja leider. Es gibt da irgendwelche Copyrightprobleme, die es Pete Carroll nicht ermöglichen derzeit eine deutsche Eigenauflage zu starten. Was chaosmagisches Gedankengut angeht, gibt´s ja mittlerweile einige Publikationen. Die meisten deutschsprachigen Veröffentlichungen finden sich im Bohmeier- Verlag.


F: Die Geschichte magischer Orden hat gezeigt, daß Hierarchien und
Geheimhaltung immer wieder aufbrechen. Wie stark habt Ihr mit diesen
scheinbar allgegenwärtigen Auflösungstendenzen zu kämpfen?


A:
Relativ wenig, denn wir haben heute eben kaum noch Hierarchien und Geheimhaltung.
Geheim gehalten werden lediglich die Identität der Mitglieder (sofern diese dies wünschen), Zeichen, Passworte und innere Angelegenheiten, nicht aber Themen, Ziele und Arbeiten. 
Unsere Gradstruktur umfaßt vier Grade, die in erster Linie nur Pflichten und keine zusätzlichen Rechte beinhalten. Alle Sektionen und Tempel sind autonom. Manche dieser Tempel arbeiten beispielsweise auf bestimmte Zeit mit besonderen Glaubenssystemen und Paradigmen. Klar, daß sie bei der Aufnahme neuer Mitglieder zusätzliche Auflagen stellen, um eine effiziente magische Zusammenarbeit erreichen zu können. Wenn es deshalb in einem Tempel zusätzliche Hierarchien gibt, dann sind sie aber von einzelnen Mitgliedern frei und auf Zeit erwählt.

Allen Tempeln gleich ist nur eine Grundstruktur, die aus drei Ämtern besteht und einen sehr wichtigen Regelmechanismus in sich trägt.

Die ersten beiden Ämter sind:

DAS AMT DES MAGISTER TEMPLI
Die Aktivitäten eines Tempels werden vom Magister Templi koordiniert. Er trägt dafür Sorge, daß Tempelaktivitäten organisiert und strukturiert werden. 

DAS AMT DES ARCHIVARS
Der Archivar führt Buch über die Aktivitäten eines Tempels. In den Aufzeichnungen werden ausschließlich die offiziellen magischen Namen oder Zahlen der Anwesenden festgehalten. Die Aufzeichnungen halten Ort und Zeit der Tempelaktivitäten fest, ebenso eine kurze Zusammenfassung der jeweiligen Arbeit und ihrer Ergebnisse. 

...und das dritte Amt, das uns ein wertvolles Instrument im Umgang mit persönlichen Spielen, Amtsüberschreitungen, Nachlässigkeiten, und sonstigem Unfug ist.


DAS AMT DES INSUBORDINATORS (Der Querulant)

Jedem Magister Templi, so wie jedem 2° und 1° des Paktes wird ein persönlicher Insubordinator zugewiesen, der von sämtlichen Mitgliedern des Tempels mit Ausnahme des M.T. selbst gewählt wird. 

Insubordinatoren haben folgende fünf Aufgaben:

* Sicherzustellen, daß alle Unterweisungen und Vorträge klar verständlich sind und jene, die es nicht sind, entsprechend zu kritisieren oder auf ihrer Klarstellung zu bestehen. Dies ist die Pflicht des Toren, nämlich dort Unwissenheit vorzutäuschen, wo andere Verständnis vortäuschen. 

* Kritik mit einer gewissen "Tollpanschigkeit" zu übermitteln. Dies ist die Pflicht des Narren, nämlich das ins Lächerliche zu ziehen, was andere aus Gründen der Diplomatie gerne übersehen.

* Persönliche Mängel und blinde Flecken aufzuzeigen. Dies ist die Aufgabe des Korrektors, nämlich persönliche Dinge auf unparteiische Weise zu handhaben.

* Persönliche Berichte über Aspekte der persönlichen magischen Entwicklung entgegenzunehmen, diese aber nicht notwendigerweise zu kommentieren. Dies ist die Pflicht des Konfessors, dessen Existenz einen Schutz vor Trägheit oder Selbstzufriedenheit bietet.

* Das Recht auszuüben, gegebenenfalls gegen Anordnungen sein Veto einzulegen und den 1° von seiner Ausübung in Kenntnis zu setzen. Dies ist die Pflicht des Inquisitors, nämlich die Verhinderung des Amtsmissbrauchs.

Die Inhaber des Insubordinatorenamts wählen einen aus zwei Worten bestehenden Titel, um ihren Ausdruck des Amtes zu charakterisieren. Solch ein aus zwei Worten bestehender Titel kann sich aus einer beliebigen Kombination der Begriffe Tor, Narr, Korrekter, Konfessor und Inquisitor zusammensetzen. Der Überlieferung folgend wird eines der Worte gewählt, das jene Funktion bezeichnet, die dem Temperament des Kandidaten am meisten liegt, sowie eine weitere Funktion, die ihm am wenigsten liegt. Der Insubordinator kann also beispielsweise die Bezeichnungen Inquisitor-Narr, Korrektor-Tor, Konfessor-Inquisitor usw. annehmen. 

... ganz schön verwirrend, was?
Im Klartext: Da gibt es immer einen, der von Amts wegen herumnörgelt, - nicht unbedingt im negativen Sinne. Er kann auch hinterfragen , input geben,... Jedenfalls sorgt er dafür, dass das Ziel seiner Subordination sicher immer wachsam bleibt.

F: Besonders im Internet war immer wieder etwas davon zu hören, daß
es im I.O.T kriselt und auch Mitglieder ausgeschlossen wurden.
Arbeiten Chaosmagier automatisch auch unter chaotischen Verhältnissen?

A:

Der I0T ist keine auf Erlösung wartende Jüngerschar, sondern ein Haufen von Individualisten. Da liegt´s wohl auf der Hand, daß es auch zu Spannungen kommt. Ich denke, dass diese Gerüchte auch deshalb zustande kommen, weil die Zusammenarbeit verschiedener Mitglieder im IOT oft nur von kurzer Dauer ist. Bei uns passiert es immer wieder, dass Tempelmitglieder nach ein bis zwei Jahren Zusammenarbeit feststellen, dass sie jetzt lieber andere Ziele verfolgen wollen, oder dass ein Arbeitszyklus abgeschlossen ist und sich kein neuer gemeinsamer Ansatz findet. Hört man dann, dass sich eine Gruppe getrennt oder aufgelöst hat , wird gleich impliziert, dass es Streit gegeben haben muss, oder dass das gleichbedeutend mit einem Austritt aus dem Pakt wäre. 
Manchmal sehen Mitglieder auch, dass sie den Ansprüchen des IOT nicht mehr entsprechen können, 
oder wollen und trennen sich in Freundschaft von uns. 

Zu deiner Frage: Arbeiten Chaosmagier automatisch auch unter chaotischen Verhältnissen?
Die gemeinsame Arbeit und der Erfahrungsaustausch im IOT läuft überraschend geordnet ab, von chaotisch kann hier keine Rede sein. 

F: Magische Orden stehen oft in dem Ruf, patriarchale Männerklüngel
zu sein. Wie stark ist der Einfluß weiblichen Gedankenguts im I.O.T.
und wie hoch ist der Anteil weiblicher
Mitglieder?

A:
Wir führen keine internationalen Mitgliederlisten. Die genaue Anzahl der Mitglieder ist gerade den Leitern der einzelnen Sektionen bekannt. Bei den internationalen Treffen sind im Durchschnitt mehr als 40% der Teilnehmer Frauen.
Das Wort Chaos-Magie schreckte viele weibliche Interessenten ab und in früheren Jahren des IOT war die Qualität vieler Rituale sicherlich auch sehr männlich. Mittlerweile ist der Pakt aber stolz auf viele unerschrockene Frauen, die ihre Magie in die gemeinsame Arbeit einbringen. Eine große Bereicherung, die ich vorher nie so intensiv erfahren durfte.


F: Sind Chaosmagier unpolitisch?

A: 

Keinesfalls, doch unsere politischen Handlungen spielen sich unserer Definition gemäß auf magischer Ebene ab. Außerdem setzt ein magisches Bewusstsein die Auseinandersetzung mit diesem Thema ohnehin voraus. Parteipolitik hat bei uns allerdings nichts verloren und Menschen, die auf Grund ihrer Gesinnung zu weit rechts, oder auch links stehen scheitern bezüglich einer Aufnahme in den Pakt daran, dass sie sich weder mit unseren Auffassungen von persönlicher Freiheit, noch dem Satz: "Möglicherweise gibt es keine absolute Wahrheit", oder der Tatsache, dass "die größte Anforderung, die ein Mitglied an ein anderes stellen kann die Bitte ist" identifizieren können.


F: Kann es eine Magie geben, die sich mit dem Status Quo der
Gesellschaft nicht abfindet
und ihn zu verändern trachtet (etwas wie es Stephen Mace vorschlägt)?

A:

Ich denke, dass sich jeder, der in der modernen Welt unpolitisch lebt und sich mit dem Status Quo der Gesellschaft einfach zufrieden gibt, sehr unverantwortlich und dumm verhält. Deshalb liegt es für mich auf der Hand, dass es einem Magier gut zu Gesicht steht, seine Kräfte auch in diese Richtung zu lenken.


F: Hat magisches Denken und Tun in dieser Welt der ausufernden
Massenunkultur noch eine Zukunft? Verbindest Du etwas mit dem
Gedanken eines Neuen Äons?

A:

Magie war nie etwas für die Masse und ich denke, sie wird es (falls überhaupt) noch lange nicht sein. Magisches Denken und Tun hingegen wird immer sinnvoll sein. Vielleicht sagen wir einmal nicht mehr "Magie" dazu, sondern es gibt verschiedene wissenschaftliche Fachausdrücke für unser Tun. Wir streben alle danach keine Getriebenen mehr zu sein, das Schicksal selbst zu bestimmen. Magisches Denken und Tun funktioniert nur, wenn wir es von unserem übrigen Sein nicht abkoppeln. Freizeitmagier können sich vielleicht einmal eine schwarze Kutte umhängen und mächtig die Sau rauslassen, werden aber nicht sehr weit fortschreiten. Wer aber den magischen Weg tatsächlich verfolgt, der wirkt auch im täglichen Leben. 
Geschäftsbeziehungen, Freundschaften, 2er-Beziehungen, Überzeugungen, Skripte und Paradigmen werden in Frage gestellt, überprüft, neu definiert....das gehört auch zur Politik. Magier ist man 24h am Tag. Es wird experimentiert und - wenn auch manchmal etwas chaotisch - evaluiert. Pionierarbeit auf der Schwelle zum neuen Aeon. 

F: Der Chaos- oder pragmatischen Magie wird immer wieder nachgesagt
(oder vorgeworfen),
daß sie rein zweckgebunden und ohne jeden spirituellen oder ethischen
Hintergrund arbeitet. Kannst Du dazu etwas sagen?

A:

(grinst) ... und, wo ist das Problem?
Wir stehen dazu, denn das macht die Arbeit wesentlich einfacher für uns. 

Das soll nicht heißen, dass wir keine Ethik oder Spiritualität kennen. 
Jeder Einzelne von uns hat aber sehr wohl seine ganz persönliche Moral, Ethik und Spiritualität.
Wenn zum Beispiel bei einem internationalen Treffen ein Ritual vorgeschlagen wird, hat jeder die Möglichkeit frei zu entscheiden, ob er teilnehmen will oder nicht. Wer mit dem Thema, Aufbau, oder aber mit dem ethischen, moralischen oder spirituellen Hintergrund nicht konform geht, der spricht sich einfach dagegen aus und nimmt nicht teil. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit der Annahme, dass wir keinen spirituellen, ethischen, oder moralischen Background hätten. Es ist nur nicht immer derselbe und nicht immer für alle Mitglieder.
Unser Ansatz ist vielleicht am Besten mit diesem Satz erklärt:
"Der Chaosmagier benutzt Paradigmen und Glaubenssätze wie ein Chirurg sein Besteck."


F: Ihr betrachtet das Chaos als etwas Schöpferisches.
Im Gegensatz dazu empfinden viele Menschen starke Ängste beim Verlust
von Kontrolle und Sicherheiten. Wie geht Ihr mit Ängsten um und gibt
es überhaupt eine zielgerichtete magische Bearbeitung von Ängsten?

A:
Es ging nie um den Verlust der Kontrolle, oder Chaos als totale Verwirrung zu erleben. 
Da stehen wir jetzt am Anfang eines langen Gesprächs über Chaos, das glaube ich den Rahmen dieses Interviews sprengt.
Aber zum Thema Angst:
Lehne dich zurück, schließe die Augen, atme tief durch, entspanne dich und .......bitte denk jetzt eine Minute nicht an einen Affen........
...na? .... Affenhorden ziehen vorbei! Das klappt nicht. 
Genauso ist es mit der Angst. Sich einzureden man hätte keine, funktioniert nicht. Klar, man kann sich ablenken und viele andere Flucht- und Vermeidungsstrategien bis zur Perfektion entwickeln. 
Oder, man stellt sich seinen Emotionen, geht bewusst hinein, erlebt sie. Illuminaten von Thanateros (Thanatos/Tod, Eros/Erotik,Sex) steht auch für die Arbeit mit Gegensätzen. So bearbeiten wir beispielsweise Emotionen oft paarweise, (Liebe-Haß, Freude-Leid,...). Durch die Erfahrung der Gegensätze ergibt sich eine neue Möglichkeit des Umgangs mit ihnen. 
Das erklärt sich am Besten mit einem Bild. 
Jeder kennt dieses schwarze Loch von Depression oder Angst in das man fallen kann. Fällt man erst einmal, gibt es nur zwei Alternativen. Die erste, die wir normalerweise verfolgen ist der verzweifelte Versuch irgendwo Halt zu finden, den Sturz zu bremsen und dann unter Aufbietung aller Kraft langsam wieder empor zu klettern. 
Die andere Alternative ist sich fallen zu lassen. Fallen lassen mit "geöffneten Augen", den Sturz zu erleben und auch den Schrecken zu sehen. Fällt man mit "offenen Augen", kann man sich ohne am Boden des Strudels zu verschwinden, oder zu zerschellen, leicht wieder hochkatapultieren. Oft gelangt man dann sogar weiter hinaus, als man denkt. Ich will damit nicht sagen, dass das Erlernen dieser Technik ermöglicht einen Sturz in die Angst in lustvolle Extase zu verwandeln. Unbestritten ist, dass sie dich nach und nach dazu ermächtigt, viel besser mit den eigenen Emotionen umgehen zu können. Interessant dabei ist, dass dies nicht über den Faktor: "totale Kontrolle" passiert, sondern durch ein Ausnützen der Dynamik von Emotionen, gepaart mit der Erkenntnis, dass die extremsten Extreme ganz schön nah beieinander liegen. 

F: In Deinem "Handbuch der Chaosmagie" findet sich auch das
allbekannte "Tu was Du willst sei das ganze Gesetz" wieder. Gibt es
eine direkte Traditionslinie des I.O.T.
zu Crowley und Thelema?

A:
Direkte Traditionslinie ist übertrieben. Viele Gründungsmitglieder des IOT haben Crowley gelesen, manche arbeiteten schon länger in verschiedenen Logen. "Tu was Du willst sei das ganze Gesetz" ist einfach ein großartiger Satz und macht sich auch gut neben: "Nichts ist wahr, alles ist möglich." 


F: Eng mit dem I.O.T. verbunden ist euer Projekt "Caput Corvi". Was
ist Sinn und Zweck dieser Sache?

A:

Begonnen hat es im Jahr 1984 (da war der IOT noch kein Thema), unter dem Namen Caput Corvi im Jahr 1986. Es gab nichts weiter, als ein Postfach, ein paar privat organisierte chaosmagische Workshops und Events und einige wenige Leute, die Kontakt zu anderen Gleichgesinnten suchten. Zettel mit magischen Statements wurden in Lokalen verteilt, Freunde wurden angesprochen.

Caput Corvi entwickelte sich zu einer Art Kontaktzentrale für magische und vor allem chaosmagische Themen. Heute haben wir zwar noch unser Postfach, aber wir sind froh, wenn statt Briefen E-Mails kommen. Auf unserer Website präsentiert sich der IOT und der Magic Circle, der verschiedene öffentlich zugängliche Arbeiten3 anbietet. Weiters gibt´s dort meine persönlichen Seiten, eine mailinglist und einige handverlesene Links. 


F: Eure Internetaktivitäten sind nicht zu übersehen. Ist das Internet
ein ideales chaosmagisches Medium?

A:
Ideal? (kratzt sich am Kopf) ...weiß nicht, auf jeden Fall relativ neu!
Ich sehe das Internet nicht als DAS NEUE MEDIUM in der Magie, 
aber es bietet eine Menge neuer Forschungsmöglichkeiten.


F: Wie sehen Deine Pläne für die nahegelegene Zukunft aus? Gibt es
neue Projekte oder auch ein neues Buch von Frater .717.?

A:
Mein neues Buch über den IOT und seine Magie liegt seit Monaten auf Eis, da mich die Arbeiten an mehreren neuen Projekten mehr in Anspruch genommen haben als gedacht. Ich hoffe aber doch es im Sommer 2000 fertig zu stellen. Dafür findet man jetzt in neuem Gewande:
www.chaosmagick.org
mit vielen Informationen um und über Chaosmagie, sowie eine stetig wachsende Datenbank magischer Links.


Wir danken Dir für dieses Interview und wünschen Dir auf den
magischen Pfaden
ins Ungewisse Kraft und Erfolg!

...und ich wünsche Dir und dem Golem soviel Spaß und Erfolg wie ihr ertragen könnt.